Persönlicher Erfahrungsbericht Dezember / Januar 2009 / 2010
Nachdem im vergangenen Jahr 2008/2009 Israel Gaza bombardiert hatte (es wurden ca. 1.400 Palästinenser und 13 Israelis in diesem Krieg getötet), sollte zum Jahrestag ein gewaltfreier Friedensmarsch nach Gaza stattfinden, mit dem vordringlichen Ziel, die Blockade zu durchbrechen. Die Grenzen des Gebietes, in dem inzwischen etwa 2 Millionen Menschen auf engstem Raum leben, werden nicht nur von israelischer Seite scharf kontrolliert und zeitweise komplett geschlossen. Auch Ägypten hat auf internationalen Druck besonders von den USA die Grenze abgeriegelt. Schmuggeltunnel werden immer wieder zerstört. Die notdürftige Versorgung der Bevölkerung erfolgt zum Teil durch internationale humanitäre Organisationen. Im Internet wurde ich auf der Site www.palaestina-potal.eu auf den Gaza-Freedom-March aufmerksam. Von Code Pink www.gazafreedommarch.org, einer amerikanischen Frauenorganisation, wurde dazu aufgerufen. (Der Name Code Pink ist einer Sicherheitsstufe in den USA entlehnt.)
Der Ablauf war folgendermaßen geplant: am 26.12.09 erstes Vorbereitungstreffen in Kairo, mit Bussen nach El Arish, dann weiter nach Rafah zum Grenzübergang. In Gaza waren Treffen mit verschiedenen Gruppen geplant, und schlussendlich sollte eine Demonstration von Gaza-Stadt nach Erez stattfinden. Gleichzeitig hatten israelische Gruppen geplant, auf israelischer Seite in Erez zu demonstrieren, so dass wir uns dort praktisch an dem Grenzübergang getroffen hätten. Rückkehr nach Kairo am 02.01.2010.
Ich war schon einige Tage vor dem geplanten Treffen nach Ägypten gereist und konnte der englischsprachigen Presse dort entnehmen, dass sämtliche Aktivitäten verboten werden sollten. Und so kam es dann auch. Es gab ein Versammlungsverbot, Demonstrationsverbot, und unsere Treffpunkte in Kairo waren abgeriegelt worden. Was nun??? Es war eine logistische Meisterleistung der OrganisatorInnen, die 1.400 Menschen aus 42 Ländern, die wir waren, zu koordinieren und zusammen zu halten. Wir waren in x verschiedenen Hostels und Hotels untergebracht und hatten nur die Möglichkeit, uns über Mobiltelefone und Internet zu verständigen. Aber es gab jeden Morgen briefings in drei verschiedenen Hotels in der Altstadt von Kairo, zu denen jeweils Vertreter der Länderdelegationen gingen, um anschließend die Ergebnisse in die verschiedenen Gruppen in weiteren Hotels zu transportieren. Ein großes Dankeschön an die Hotelbetreiber, die uns haben gewähren lassen, obwohl die Polizei immer wieder aufkreuzte.
Klar ist, dass unter diesen erschwerten Bedingungen nicht immer alle Absprachen klappen konnten, aber ich fand es erstaunlich, dass im Großen und Ganzen trotzdem der Informationsfluss in Gang gehalten wurde und alle Beteiligten mehr oder weniger auf dem Laufenden waren.
An dem ersten Abend in Kairo, als eigentlich das Vorbereitungstreffen geplant war, trafen wir uns „spontan“ auf einem größeren freien Platz in der Altstadt. Als wir ankamen, waren schon etliche Leute vor Ort, auch die Polizei war massiv vertreten. Eine junge Frau von Code Pink begrüßte uns und besonders die anwesenden Polizisten. Mit weit ausgebreiteten Armen rief sie enthusiastisch, wie schön dass ihr da seid, um uns zu beschützen, herzlich willkommen! Darauf zog sich die Polizei erst einmal zurück.
Code Pink hatte etliche Boote angemietet, mit denen wir auf dem Nil fahren wollten, um für die im Krieg getöteten symbolisch Kerzen aufs Wasser zu setzen. Auch diese Aktion war, wie alle anderen, verboten worden, niemand kam an die Boote heran, alles war abgesperrt. Also demonstrierten wir vor den Anlegestellen. Die anwesende Polizei, insbesondere die Zivilen, versuchte uns abzudrängen und forderte uns ständig zum Gehen auf. Es kam aber nicht zu Gewaltanwendungen oder Festnahmen. Allerdings waren sowohl Gefangenentransporter als auch Wasserwerfer in großer Zahl aufgefahren worden. Seitens der Bevölkerung (die Autos fuhren an dieser Stelle staubedingt sehr langsam vorbei) haben wir sehr, sehr viel Zuspruch bekommen. Mindestens jeder zweite Autofahrer signalisierte uns Zustimmung zu unserem Anliegen. Auch an den Folgetagen bin ich in der Stadt häufig von Passanten auf meinen Sticker (Salam, Shalom) hin angesprochen worden. Die Menschen haben uns wirklich Mut gemacht!
Die Busse, mit denen wir nach El Arish fahren wollten, waren seitens der Regierung „abbestellt“ worden. Klar, dass die Busunternehmen nicht ihre Existenz riskieren wollten. Also sind wir mit einer kleineren Gruppe zum Busbahnhof gefahren, haben uns dort Tickets für den Öffentlichen Bus besorgt und sind losgefahren. Beim ersten Checkpoint nach ungefähr 3 Stunden mussten alle Nicht-ÄgypterInnen den Bus verlassen, uns wurden die Reisepässe abgenommen, und dann hieß es erst mal warten, warten, warten.... Schlussendlich sind wir es waren noch weitere Leute aus Irland und den USA dort gestrandet mit Minibussen nach Kairo zurück transportiert worden, die ganze Zeit mit Polizeibegleitung, zeitweilig sogar mit Blaulicht.
Zurück in Kairo hieß es erst einmal, neue Unterkünfte zu finden. Dank der inzwischen doch einigermaßen funktionierenden Kommunikationsstrukturen, konnten wir, nachdem wir ein günstiges Hotel gefunden hatten, etliche MitdemonstrantInnen dort hin holen, sodass wir wieder eine größere Gruppe waren.
Tagelang war die französische Botschaft von DemonstrantInnen belagert. Die Polizei ließ uns mehr oder weniger gewähren, etliche Leute übernachteten auch dort. Die Forderung war, dass die Botschaften (auch die italienische, deutsche etc.) sich für unser Anliegen einsetzen sollten, was sie aber allesamt nicht taten. Im Gegenteil hatte es im Vorhinein vom Auswärtigen Amt in Deutschland Warnungen an uns gegeben, unser Vorhaben nicht auszuführen.
Vor der Journalistengewerkschaft fanden an mehreren Tagen Demonstrationen statt. U. a. waren Interviews mit VertreterInnen des Gaza-marches angesagt. Das ZDF tauchte auf, durfte aber nicht filmen. So mussten die Interviews an andere Orte verlegt werden.
Hedy Epstein, eine Holocaust-Überlebende, begann vor dem Gewerkschaftshaus einen Hungerstreik, dem sich mehrere Leute anschlossen. Dort wurden wir auch von Ägyptern unterstützt. Man muss wissen, dass die Polizei üblicherweise mit Landsleuten nicht zimperlich umgeht und es leicht zu Inhaftierungen kommen kann. Die Polizei hatte einen Eiertanz zu bewältigen: einerseits durften sie uns nicht zu viele Zugeständnisse machen, andererseits sollte offenbar Gewalt gegen uns „Westler“ weitestgehend vermieden werden. Zu Übergriffen kam es aber an Silvester, als wir mit einem Flash-Mob zunächst als Touristen „verkleidet“ plötzlich zu ganz Vielen zusammen mit ägyptischen FreundInnen auf einer zentralen Straße für die Öffnung der Grenze zum Gaza-Streifen demonstriert haben.
Die ägyptischen Tageszeitungen hatten unsere Aktionen tagelang auf ihren Titelseiten, auch mit Fotos. Das beste Foto zeigte Leute auf einer der Pyramiden, die eine riesengroße Palästina-Flagge hielten. In Deutschland wurde leider nur sehr wenig von der Aktion berichtet. Das palästinensische Volk darf nicht vergessen werden. Es hat weiter unsere Unterstützung verdient. Die vielen Schwierigkeiten haben mich nicht davon abgeschreckt, mich weiter für die Freiheit Palästinas einzusetzen.
BRÜ