Riesige Werbetafeln in der Stadt und Anzeigen in vielen Zeitschriften künden vom neuen Ökostrom der Stadtwerke: „SauerlandStrom Natur“ sei gut für unsere Heimat, unsere Zukunft, unsere Natur. Wer dieses Produkt kauft, übernehme Verantwortung, wird suggeriert. Die Sache klingt gut, aber was steckt genau dahinter?
Ein Anruf bei der in der Werbung angegebenen Servicenummer der Stadtwerke versprach weitere Informationen:
„Hallo, ich interessiere mich für ihr neues Ökostromangebot Sauerland Natur…“
„Meinen Sie St. Moritz?“
„Ja, so in etwa. Können Sie mir einige Fragen hierzu beantworten?“
„Soll ich Ihnen ein Info-Paket zuschicken?“
„Nicht nötig, das habe ich bereits. Ich hätte da einige weitergehende Fragen zur Stromherkunft und dem Anlagenneubau…“
„Da wird Sie jemand zurückrufen, ich kenne mich da nicht so aus.“
Ein Rückruf erfolgte bisher leider nicht.
Etikettenschwindel
Das ist wenig verwunderlich, grenzt das neue „Öko“-Angebot der Stadtwerke doch an Etikettenschwindel: Im „Sauerländer“ Gewand wird Strom aus 100% Wasserkraft angeboten, der offenbar gar nicht im Sauerland produziert wird. Bei „Poor Power St.Moritz“, dem Ökostrom-Vorläufer der Stadtwerke, war die Herkunft des Stroms noch klar. Mit der Wasserkraft aus St.Moritz begann im 19. Jahrhundert die Elektrifizierung der Schweiz. Der Verkauf von Ökostrom aus uralten Kraftwerken hat allerdings den Haken, wenig bis nichts zur Energiewende des 21. Jahrhunderts beizutragen. Wie man es besser macht, zeigt z.B. „Münster natürlich“ - der hier gelieferte Ökostrom besteht aus einem Energiemix aus Solar-, Wind-, Wasser-, Biomasse- und Blockheizkraftwerken, die in den letzten 20 Jahren in Münster neu gebaut wurden. Der Öko-Aufschlag wird komplett in den Ausbau erneuerbarer Energien vor Ort investiert.
Die Strategie der Stadtwerke
Die Neubaubilanz der Iserlohner Stadtwerke vor Ort ist bisher mickrig. Neben wenigen bestehenden Solaranlagen besteht diese in einer Holzhackschnitzel-Heizung für die Landesgartenschau in Hemer. Dieser kleine Schritt hin zur regenerativen Energieversorgung wird nun massiv beworben - mit Erfolg: Über eintausend Kunden beziehen mittlerweile „SauerlandStrom Natur“. Dabei soll mit dem Öko-Preisaufschlag jedoch nicht nur der „Ausbau regenerativer Energiequellen in der Region“ gefördert werden, sondern auch „regionale Ökoprojekte, die Förderung von Umweltprojekten, Aufforstungsaktionen“. Diesen wolkigen Ankündigungen kann man bereits entnehmen, dass es den Stadtwerken nicht vorrangig um eine Energiewende im Sauerland geht. Vor allem die Investitionsstrategie ist wenig „heimatverbunden“:
An der Region vorbeiinvestiert
Zwar wollen die Stadtwerke bis Ende 2010 immerhin 10 Millionen Euro in erneuerbare Energien investieren. Der größte Teil des Geldes kommt aber nicht der Region zugute, sondern wird in zwei Kooperationsprojekte mit dem Atomkonzern RWE geleitet. Eines der Projekte besteht aus dem Ankauf bestehender Windkraftanlagen am Niederrhein und in Norddeutschland, das andere widmet sich tatsächlich dem Anlagenneubau - in Schottland. Beim diesem so genannten „Green Gecco“ - Projekt entscheidet RWE, was und wo gebaut wird. Der Iserlohner Stadtrat hat keinen Einfluss mehr darauf, ob z.B. ein Biomassekraftwerk sinnvoll mit organischen Abfällen betrieben wird, oder mit extra angebauten Nutzpflanzen, was ökologisch und ethisch bedenklich ist. Da im Rahmen der Kooperation mit RWE bisher keine Anlagenplanungen für das Sauerland oder gar Iserlohn vorliegen, drohen die eingesetzten Millionen überdies komplett an der heimischen Wirtschaft vorbeizugehen - dabei hat sich die Ansiedlung erneuerbarer Energien vielerorts als Innovations- und Jobmaschine erwiesen. Auch deshalb haben 24 Stadtwerke diesem Projekt eine Absage erteilt.
Kooperation mit dem Atommulti
Das „Green Gecco“ - Projekt ist für RWE nichts weiter als ein Öko-Mäntelchen. Der Konzern hat an einer Energiewende jedenfalls wenig Interesse, im Gegenteil: Mit dem drohenden jahrzehntelangem Weiterbetrieb seiner Atomkraftwerke nimmt RWE der Umstrukturierung der Energieerzeugung die erforderliche Dynamik und behindert den dezentralen Ausbau regenerativer Energien. Der Verband kommunaler Unternehmen kritisiert daher die Pläne der Bundesregierung und der Energieriesen Eon, EnBW, Vattenfall und RWE scharf.
Fazit
Die Versuchs-Ökostromer von den Iserlohner Stadtwerken und mit Ihnen die Politiker des Stadtrats müssen sich die Frage stellen lassen, ob Sie das Potenzial der erneuerbaren Energien für die Region endlich ernsthaft nutzen wollen. Es ist zwar grundsätzlich zu begrüßen, dass überhaupt in erneuerbare Energien investiert wird. Da die Unternehmensstrategie eine Kooperation mit dem Atommulti RWE und den Bau von Großanlagen im Ausland vorsieht, findet die Energiewende im Sauerland mit ihren Beschäftigungschancen aber leider nicht statt. Ein Label wie „SauerlandStrom Natur“ gebührt eher den findigen Menschen aus Ebbinghof im Schmallenberger Sauerland, die mit Sonne, Wind und vor allem Biogas mehr Strom und Wärme erzeugen, als ihr Dorf benötigt. Die Iserlohner Stadtwerke bleiben dagegen bei der regionalen Erzeugung sauberen Stroms unglaubwürdig.
Andreas Habel
TIPP
Wer sein Geld nicht in die Atomwirtschaft stecken möchte ist bei den Anbietern der Kampagne „Atomausstiegselbermachen“ allemal besser aufgehoben als beim fragwürdigen „Sauerland“-Strom der Stadtwerke.